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2. Advent 2011 Komm, Herr, komm

von Pfarrerin Claudia Voigt-Grabenstein

Liebe Gemeinde, hören Sie als Predigttext für den heutigen Sonntag aus dem Buch des Propheten Jesaja im 63 Kap.

HERR, sieh herab von deinem Himmel,
wo du in Heiligkeit und Hoheit thronst!
Wo ist deine brennende Liebe zu uns?
Wo ist deine unvergleichliche Macht?
Hast du kein Erbarmen mehr mit uns?
Wir spüren nichts davon, daß du uns liebst!
16 HERR, du bist doch unser Vater!
Abraham weiß nichts von uns,
auch Jakob kennt uns nicht;
unsere Stammväter können uns nicht helfen.
Aber du, HERR, bist unser wahrer Vater!
»Unser Befreier* seit Urzeiten« - das ist dein Name.
17 Warum hast du zugelassen,
daß wir von deinem Weg abwichen?
Warum hast du uns so starrsinnig gemacht,
daß wir dir nicht mehr gehorchten?
Wende dich uns wieder zu!
Wir sind doch deine Diener,
wir sind doch das Volk, das dir gehört
Reiß doch den Himmel auf und komm herab,
daß die Berge vor dir erbeben!
64
1 Komm plötzlich,
komm mit großer Macht,
wie die Flammen trockenes Reisig ergreifen
und das Wasser im Kessel zum Sieden bringen!
2 Vollbringe Taten, die uns staunen lassen
und noch unsere kühnste Erwartung übertreffen!
Komm herab, daß die Berge vor dir erbeben!
3 Noch nie hat man von einem Gott gehört,
der mit dir zu vergleichen wäre;
noch nie hat jemand einen Gott gesehen,
der so gewaltige Dinge tut
für alle, die auf ihn hoffen.

Da ist aber einer sauer, - das war die spontane Reaktion einer Freundin, die diese Worte zum ersten Mal gehört hat. Ja, da steckt eine große Kraft in den Worten. Viel Emotion, viel Wut auch und eine große Leidenschaft.
Wo ist deine brennende Liebe zu uns, Gott?
Wir spüren nichts davon!
Reiß doch den Himmel auf und komm herab,
daß die Berge vor dir erbeben!
Da ist ein Mensch, der mit Gott hadert, mit ihm spricht, ihn sucht. Man sieht ihn fast, wie er dasteht und in den Himmel schaut.
Es ist ein Gebet, das er voller Leidenschaft zum Himmel schreit.
Und fasziniert stehe ich daneben. Meine Gebete klingen meistens anders. Braver. Stiller. Gebete in wohlformulierten Worten. Oftmals auswendig gesprochen.
Manchmal wünschte ich mir, dass ich mit Gott so reden könnte, laut und leidenschaftlich. Fordernd, enttäuscht, ja auch ärgerlich. Mit der ganzen Palette dessen ,was man so an Gefühlen mit sich herum trägt. Hinausgeschrieen, dem Himmel entgegen.
Mein, Gott, du bist doch unser Vater! Wir spüren dich nicht mehr. Wende dich uns zu. Wir sind doch deine Kinder!
Der Beter hier rechnet fest mit Gott. Einem großen Gott, der uns von Urzeiten an seine Liebe zugesagt hat. Dem wir nicht egal sind. dem die Welt nicht egal ist. Aber wie kannst du dann, Gott, so unsichtbar bleiben, währendessen es in deiner Welt drunter und drüber geht? Schau doch hin, was geworden ist! Wo bist du?

In diesen Ruf könnten wir ohne Probleme sofort einsteigen. In die Klage darüber, was in unserer Welt geschieht. Mit den Sorgen, die die Menschen heute umtreiben. Und es gibt wahrhaft genügend. Ja, wir hätten viele Gründe, laut einzustimmen: mein Gott: wo bist du?
Aber: Hand aufs Herz: Rechnen wir wirklich noch mit Gott? Trauen wir ihm etwas zu? Trauen wir ihm zu, dass er eingreift, dass er sieht und reagiert auf unsere Bitten und Gebete??
Der Prophet scheint davon überzeugt, Und in seinem Gebet hat er das Wohl seines ganzen Volkes im Blick.
Insofern ist es eigentlich ein höchst politisches Gebet. Gott möge sich doch seiner Menschen erinnern. Und dazu verweist er auf vergangene Zeiten, als Gottes Heilswirken greifbar war. Seine Liebe spürbar. Daran möchte er anknüpfen. Es geht um das Leben aller, um Gerechtigkeit, um Frieden.
Die Erwartung an Gott ist groß.
Manchmal habe ich das Gefühl, dass wir Gott eher zu einem kleinen Gott machen, mein persönlicher Gott sozusagen, mit dem ich alleine spreche, abends im Kämmerchen. Mein Gott, an den ich mich klammern kann in meiner ganz persönlichen Not. Und das ist auch gut und wichtig so. Aber es ist nur die eine Seite Gottes. Der nahe, der mir zugewandt Gott, der wie ein Freund die Hand auf die Schulter legt.
Es gibt aber auch noch diese andere Seite Gottes, auf die der Prophet hinzielt. Von Gott im Himmel spricht er, der du thronst in Heiligkeit und Hoheit. Du Schöpfergott, den wir von Urzeit her glauben, dem die Geschichte der Menschen nicht egal ist, der über die Jahrhunderte hinweg begleitet und gestaltet, der seine guten Gedanken in seine Schöpfung, in seine Menschen gelegt hat.
Zu dem schreit der Prophet: Warum hast du zugelassen, dass wir von deinem Weg abwichen? Warum hast du uns so starrsinnig gemacht, dass wir dir nicht mehr gehorchen? Wende dich uns wieder zu. Wir sind doch das Volk, wir sind doch die Menschen, die zu dir gehören!
Neben aller Klage steckt da ein unglaublich großes und unhinterfragtes Vertrauen drin: Gott ist da. Gott als Grund allen Lebens..

Kürzlich habe ich mit einem Bekannten gesprochen, Mitte 20, Gott gehört für ihn nicht in sein Weltbild. Lächerlich. Sagt er. Brauch ich nicht. Ich kann gut ohne ihn leben. Außerdem: Wo soll er denn sein? Schau dich doch um wie es zugeht. Es geht doch eh alles den Bach runter.
Jeder schaut nur noch, was er kriegen kann.
Finanzamt z.B.. Wer ist denn da noch ehrlich? Niemand. Dann hole ich mir doch auch, was ich kann.
Oder für meinen Ofen daheim: Klar hol ich mir mein Brennholz aus dem Wald. Ist doch wurscht wem das gehört. Macht doch eh jeder. Und zum Thema Weltpolitik, Umweltfragen: kannste vergessen. Es hat doch eh alles keine Zukunft. Ne. Was solls. Nehme ich mir lieber jetzt, was ich kriegen kann.

Diese Worte haben mir schon die Sprache verschlagen.
Da ist unglaublich viel Kälte drin. Und Härte. Was gehen mich die anderen, was geht mich die Welt an. Das ist im wahrsten Sonne des Wortes Gott-los. Gott passt nicht hinein in dieses Weltbild..

Und dagegen der Prophet. Der mag auch enttäuscht sein über das, was er sieht und erfährt. Er mag sauer und verärgert sein. Aber er sieht sich, sein Leben, die ganze Geschichte seines Volkes trotzdem und immer im Gegenüber zu Gott. Da ist eine tiefe Beziehung, aus der er heraus lebt. Und wenn auch alles um ihn herum, zusammenbricht: diese Verbindung bleibt bestehen. Wir sind doch dein Volk, Gott, das du zu deinem Eigentum erklärt hast. Du bist doch unser Vater, unsere Mutter!

Wie anders fühlt sich das Leben an, wenn ich mit Gott rechne im Vergleich zu der Gott-losigkeit, von der der Knabe so überzeugt ist.

Da hat die Welt nämlich eine Zukunft, weil es Gottes Welt ist. Voller Sehnsucht wendet sich der Prophet an Gott. Es ist die Sehnsucht nach Gerechtigkeit, nach Frieden, Sehnsucht nach einem guten Leben für alle, Nach einem Leben, das wir allein so anscheinend nicht her bringen.
Und seine Worte sind voller Leidenschaft. Fast ungeduldig klingt es, wenn er Hilfe und Zuspruch einfordert: Wende dich uns wieder zu. Sieh herab von deinem Himmel. nein. Mehr noch: komm selbst, komm mit großer Macht, vollbringe Taten, die uns staunen lassen.

Ein Mensch, der so ein Vertrauen in Gott setzt, der sieht die Welt mit anderen Augen. Mit den Augen Gottes.
Die Schöpfung wird zu Gottes Schöpfung und nicht zu einem Gegenstand, den wir uns aneignen. Die Menschen werden zu Kindern Gottes und sind nicht von vorneherein Feinde und Gegner, mein Leben ist ein Geschenk, und nichts, was ich im Griff bekommen muss und füllen muss, dass es überhaupt einen Wert hat.

Vielleicht ist es an manchen Stellen leichter, Gott-los zu leben. Hart zu sein. Denn der Blick mit Gottes Augen macht auch dünnhäutig, verletzbar. Das Leid der anderen ist mir dann eben nicht egal. Die z.T. geschundene Natur zu sehen tut weh.
Umso wichtiger ist es, sich immer wieder zu vergewissern: Gott du bist doch da. Genauso, wie es der Prophet getan hat: Du bist doch unser Vater/unsere Mutter. Du hast uns doch zu deinem Eigentum gewählt.
Das Gespräch mit Gott, wird zu einem Gebet, in dem ich mich und Gott daran erinnere, dass das Leben mehr ist, größer, als das, was ich momentan erlebe. Ja, dass es eine Zukunft gibt: von Gott her.
Und daraus wächst der Protest, die Sehnsucht: Wende dich uns zu, Gott! Komm endlich.
Der Prophet hatte eine klare Vorstellung, wie das Kommen Gottes aussehen wird: mit Gewalt und großem Tosen. Reiß die Himmel auf und komm herab, dass die Berge beben. So schreit er.
Und Gott kommt. Aber nicht mit Tosen und Gewalt. Er kommt in einem Kind. Begibt sich auf unsere Augenhöhe. So wie wir es machen, wenn wir Kindern zuhören wollen, und uns dafür hinhocken, wenn wir ihnen in die Augen schauen wollen. sie ernst nehmen.
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So kommt er, macht sich klein und bringt sich wieder neu ins Gespräch. Als Gegenüber, von Angesicht zu Angesicht.
Und wenn ich auch nicht so laut und temperamentvoll beten kann wie der Jesaja: Ich darf mir sicher sein, dass Gott mich hört durch all mein Gestammel hindurch. Deswegen auch von mir: ja: komm Gott, komm! Amen.