Mk 3,31 ff
Das Markusevangelium, das älteste der vier Evangelien, kennt keine Geburtsgeschichte von Jesus. Nein. Markus steigt gleich ein mit der Taufe Jesu und dann erzählt er von den ersten Heilungen: Da ist Jesus, der Menschen aus ihrer Verkrümmung heraus hilft, der ihnen Mut, zum aufrechten Gang gibt, ihnen ihren Wert als Menschen gibt mitten drin in einer Umgebung, in der sie bisher nicht als wert erachtet worden sind. Das irritiert. Denn Jesus hält sich nicht an die Gesetzlichkeiten, er ignoriert Konventionen, sprengt unausgesprochenen Regeln. Was macht der mit denen? Vor allem seine eigene Familie regt sich auf: der ist von Sinnen. Der ist doch verrückt! Und die Schriftgelehrten: der arbeitet mit dem Satan zusammen. Ein Besessener! Jesus passt nicht ins Schema. Er soll besessen sein, weil er es gewagt hat, ohne Umschweife auf Missstände hinzuweisen. Weil er den Mut hatte, einen Menschen aus seinem Gefängnis der Angst heraus zu holen. Weil er einem Menschen die Kraft zurück gegeben hat, die es ihm möglich macht, sein Leben selbst zu gestalten.
Kurz nach diesem Erlebnis ist Jesus zusammen mit etlichen seiner Anhängerinnen in einem Haus. Seine Familie erfährt das und macht sich geschlossen auf. Es kommt noch einmal zur Konfrontation: Hier beginnt der Predigttext:
31 Inzwischen waren die Mutter und die Geschwister von Jesus angekommen. Sie standen vor dem Haus und schickten jemand, um ihn herauszurufen. 32 Rings um Jesus saßen die Menschen dicht gedrängt. Sie gaben die Nachricht an ihn weiter: »Deine Mutter und deine Brüder und Schwestern stehen draußen und fragen nach dir!« 33 Jesus antwortete: »Wer sind meine Mutter und meine Geschwister?« 34 Er sah auf die Leute, die um ihn herumsaßen, und sagte: »Das hier sind meine Mutter und meine Geschwister! 35 Wer tut, was Gott will, der ist mein Bruder, meine Schwester und meine Mutter!«
Das sitzt. Wieder sprengt Jesus die Konventionen, die Regeln. Wie spricht er über seine Familie? Was macht er da mit seiner Mutter und den Geschwistern? Das gehört sich doch nicht! Ja, was macht er wirklich? Zunächst: Jesus reagiert sehr spontan. Er nimmt den Ball auf: das Thema Familie - und gibt ihn gleich weiter: Geschwister und Mutter? Schaut euch um, sie sind doch hier! All die, die an Gott glauben, die seinen Willen tun, das sind meine Mutter und meine Geschwister. Meine Familie.
Eine ganz klare und einfache Aussage. Nichts hoch kompliziertes, theologisch Geschliffenes. Nein. Nur: ihr seid meine Familie. Und das versteht jeder, weil jeder Fachmann/frau ist für Familie. JedeR von uns weiß, was Familie heißt. Zumindest belegen wir dieses Wort sofort mit eigenen Bildern und Gefühlen.
Familie, das ist zuhause sein, Wärme, Gemeinschaft, Verlässlichkeit, Zusammengehörigkeitsgefühl, eine feste Bindung. Man gehört zusammen, lebt zusammen. Familie: da bin ich aufgehoben, ein soziales Netz, das mich trägt, wenn ich allein nicht weiter kann. Ja, könnte Jesus sagen. Genau das ist für mich auch Familie. Aber es gibt auch die andere Seite, Eine sehr dunkle Familienseite, die beengt, die einem den Atem nehmen kann. Die Seite, die Menschen eben nicht wachsen und leben lässt, eine, die bindet. Und – im schlimmsten Fall sogar Leben abtöten kann.
Z.B: Wilmersbach (Vater vergewaltigt Tochter und zeugt mit ihr 3 Kinder) Oder: Ein Vater, der seinem Sohn nichts zutraut und ihn so in Abhängigkeit erzieht Oder die Frau, die gelernt hat, dass sie in der Familie nur geliebt wird, wenn sie was leistet und der Mann, der zu trinken beginnt, weil er ohne Beruf der Rolle als starker Vater nicht mehr gerecht wird. Es gibt so viele ganz eigene Familiengeschichten, die mit Schmerzen verbunden sind, wo es Streit und Verbitterung gibt. Familienstrukturen, die ein befreites Leben kaum möglich machen.
Genau diese schmerzhaften Fesseln von Familie sprengt Jesus. Er öffnet die Familie: jenseits aller Blutsverwandschaft. Seine Familie beruft sich nicht auf die gleiche Abstammung. Sie beruht auf einer gemeinsamen inhaltliche Grundlage, da gibt es eine gemeinsame Ausrichtung. Es ist die gegenseitige Wertschätzung, es ist die Freiheit des Denkens, auf die Freude des Respekts vor dem Heiligen. Es ist eine Gemeinschaft, die ihr Handeln nicht von Angst bestimmen lässt, weil sie um die Gegenwart Gottes weiß. Hier sollen die Menschen Raum haben, um zu wachsen, um sich zu entfalten. Den aufrechten Gang zu lernen.
Es ist eine Familie, die keine Grenzen kennt und keine Mauern. In der es nicht um Hierarchien und Konkurrenzkämpfe geht. Wo es auch nicht um Verdienst und Ansehen geht. Jesus macht die Tür weit auf: schaut euch um: all das hier sind meinen Schwestern und Brüder, denn sie vertrauen auf die Liebe Gottes. In seiner scheinbar schroffen Art seiner leiblichen Mutter und den Geschwistern gegenüber möchte er letztlich die Trennung abbauen: ich gehören keiner Gruppe allein: ihr alle seid meine Familie.
Dieser Raum, diese Öffnung, diese Familie, das ist letztlich Gemeinde. Neben unseren Familien sind wir gesetzt in diese große Familie, die andere Spielregeln hat. Die nicht auf Hierarchien oder Machtstrukturen aufbaut. In des es Platz gibt und Männer und Frauen, Buben und Mädchen sich gleichermaßen ansprechen dürfen als Kinder Gottes. Ja, als Jesu Brüder und Schwestern. Da geht es um gegenseitige Achtung, eigene Wertschätzung und Liebe zu Gott.
Das ist fast wie eine Gegenbewegung gegen die Werte, die uns der Markt momentan vorgibt: Stärke, Schlauheit, Selbstbehauptung. Wie viele gehen dort verloren, bleiben auf der Strecke. Ihr seid meine Familie, sagt Jesus, ihr, die ihr Gott vertraut. Hier dürft ihr sein. Hier werden wir zu Bruder und Schwester.
Heute feiern wir Kirchweih. Den Geburtstag der Osterkirche. 33 Jahre alt ist sie nun schon. Und sie ist in diesen Jahren für viele zum Raum geworden, in dem sie sein konnten, wachsen konnten. Die Osterkirche: wie ein zuhause. Da gibt es manche, die jede Woche hier sind, der Sonntagsgottesdienst ist für sie eine feste Einrichtung. Jenseits ihrer einsamen Wohnung oder auch außerhalb der eigenen Familie, in denen es oft Streit und Druck gibt. Gemeinde als ein Ort, an dem ich Ruhe finden kann. Freunde treffe, an dem ich merke, dass ich noch bin: ein ganzer, ein liebenswerter Mensch. Andere lesen sehr aufmerksam den Gemeindebrief. Das gehört dazu. ich will wissen, was läuft. Manch einer hat mit seiner Aufgabe in der Gemeinde eine neue Wertschätzung für sich erfahren. Hat sich selbst, seine eigenen Fähigkeiten neu entdeckt! Ich freu mich z.B. sehr, dass wir über das Gemeindepraktikum hier den Steffen gefunden haben (Mesnerdienst). Oder Jugendliche, die nach der Konfizeit dran bleiben und Freude bekommen am mitorganisieren und verantworten. Oder es kommt eine junge Frau zu mir, sie wohnt seit einiger Zeit schon im Ruhrgebiet, ist verheiratet, aber ihr Kind möchte sie doch in der Osterkirche taufen lassen. Da bin ich auch getauft worden und: in der Jugend war ich viel hier. Auch hier ein Stück Heimat, Familie.. Schließlich die vielen offenen Gruppen und Kreise, ob das Tanzen oder Karteln ist, ob das singen oder gemeinsames Kaffeetrinken ist: die Osterkirche bietet Räume an, in denen es einfach gut ist zu sein. Schaut euch um, sagt Jesus. Alle, die hier sind, die Gottes Liebe vertrauen, sind meine Brüder und Schwestern!
Natürlich gibt es auch hier Unstimmigkeiten, Misstöne. Mancher Kampf wird gefochten. Dafür sind wir einfach Menschen. Umso wichtiger ist es, dass wir uns immer wieder die Grundlage unserer Gemeinschaft bewusst machen: es ist Gottes unbedinges Ja zu uns. Und dann müssen wir diskutieren, suchen, fragen. Und jede Situation verlangt eine andere Antwort. Das ist nicht immer ganz einfach. Aber genau das schafft die Lebendigkeit und die Freiheit, die uns Jesus gelehrt hat. Ich wünsche der Osterkirchengemeinde, dass sie mutig bleibt und neugierig. Dass sie den Spuren Jesu folgt, der oft unkonventionell und frei war, wenn es um das Leben seiner Geschwister ging. Um uns. Dass uns das gelingt, dazu gebe Gott uns immer wieder neuen Schwung und er schenke uns Leichtigkeit und Vertrauen, den Weg als seine Kinder, zu gehen. Sein Geist erhalte der Osterkirchengemeinde die Buntheit und Offenheit.
Amen.
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