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von Vikar Gerhard Beck

Liebe Gemeinde,

Sie haben den Predigttext schon als Teil der Lesung gehört. Ein langer Text voller Ermahnungen, die Paulus an die Gemeinde an Rom schickt. Ermahnungen haben ja immer so einen doppelten Charakter: Sie können ein gut gemeinter Rat sein oder auch ein Zurechtweisen. Paulus geht es nicht ums Zurechtweisen. Er will der Gemeinde in Rom nicht vorschreiben, wie sie zu leben hat.
Nein, um die Worte des Paulus zu verstehen, müssen wir darauf schauen, was er in den Kapiteln davor der Gemeinde mitteilt:
In der Gemeinde gab es anscheinend zwei Gruppen: Eine kleine Gruppe der Judenchristen. Juden, die Christen geworden waren und als Juden damals gewohnt waren, dass das Gesetz gehalten werden muss um Gott zu gefallen. Ihnen sagt Paulus ganz klar: Christus ist das Ende des Gesetzes! Und den Heidenchristen schreibt Paulus: Ihr seid keine Heiden mehr!
Für alle gilt: "Ich bin gewiss, dass uns nichts trennen kann von der Liebe Gottes."
Und Paulus weiß: Wer diese Gewissheit hat, der sieht die Welt anders. Der geht auch anders mit seinen Mitmenschen um. Die Gewissheit, dass Gott mich liebt wird nach außen spürbar, in der Gemeinde und im Umgang mit den Anderen sichtbar. Und aus dieser Gewissheit schreibt er der Gemeinde in Rom im 12. Kapitel seines Briefes:

Die Liebe sei ohne Falsch.
Hasst das Böse, hängt dem Guten an.
Die brüderliche Liebe untereinander sei herzlich.
Einer komme dem andern mit Ehrerbietung zuvor.
Seid nicht träge in dem, was ihr tun sollt. Seid brennend im Geist. Dient dem Herrn.
Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal, beharrlich im Gebet.
Nehmt euch der Nöte der Heiligen an.
Übt Gastfreundschaft.
Segnet, die euch verfolgen; segnet, und flucht nicht.
Freut euch mit den Fröhlichen und weint mit den Weinenden.
Seid eines Sinnes untereinander.
Trachtet nicht nach hohen Dingen, sondern haltet euch herunter zu den geringen.
Haltet euch nicht selbst für klug.

Bild 1:

Ausschnitt aus Bild 2; Urheberangaben dort

Liebe Gemeinde,
von den vielen Ratschlägen des Paulus ist mir ein Satz besonders wichtig geworden. Ein Satz, der für mich der Kernpunkt ist: Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal, beharrlich im Gebet.
Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal, beharrlich im Gebet: Wie das ausschauen kann, zeigt für mich ganz stark ein Bronze-Skulptur von Ernst Barlach: (Bild 1)

Ein Mann schaut nach oben, vielleicht in den Himmel. Er hat eine gebeugte Haltung. Er scheint schwer an etwas zu tragen. Seine Hand ist ausgestreckt. Vielleicht betet er? Oder will er nach etwas greifen?
Sein Gesicht wirkt traurig, zweifelnd. Die ganze Haltung der Person, die ausgestreckten Hände, der Gesichtsausdruck, all das sagt mir: Da hält jemand Trübsal aus. Die Person scheint sich ihrer Traurigkeit, ihrer Zweifel, ihrer Sorgen bewusst zu sein. Und sie scheint sich auch nicht dafür zu schämen. Sie versinkt nicht in Depression, sackt nicht in sich zusammen. Sie hält ihre Traurigkeit aus. Was immer sie bedrückt, wird nicht verdrängt, sondern darf einfach da sein. "Seid geduldig in Trübsal", schreibt Paulus.
Und trotz der Traurigkeit hat dieser Mann für mich eine gewisse Stärke. Und in den Augen erkenne ich eine Hoffnung. Der Körper, er richtet sich auf, auf ein Ziel zu, eine Hoffnung.
"Seid fröhlich in Hoffnung." Was bedeutet das? Ich glaube, dass nicht gemeint ist: Jetzt freut euch mal und feiert!
"Seid fröhlich in Hoffnung" heißt für mich: In die Dunkelheit dessen, was mich traurig macht, darf ein Licht scheinen. Da darf auch Hoffnung sein. Hoffnung auf die Zusage Gottes, die in die Dunkelheit hineinleuchtet. Und dieses Licht schiebe ich nicht gleich auf die Seite und verdränge es, weil das Leben schließlich nur fröhlich oder traurig ist oder weil die Hoffnung doch nicht logisch ist. Sondern die Hoffnung darf neben der Traurigkeit stehen. Ich darf mich in meiner Trübsal von der Hoffnung etwas anstecken lassen, in dem, was mich nach unten drückt, wieder nach oben schauen.

Bild 2:

Ernst Barlach: Das Wiedersehen (Christus und Thomas), 1926, Copyright: Ernst und Hans Barlach GbR Lizenzverwaltung Ratzeburg

Nach oben, zu dem, der mich aufrichtet. Dem Grund meiner Hoffnung: Zu Gott, der mir verspricht, dass mich nichts von seiner Liebe trennen kann. Und ihm darf ich sagen, was mich gerade beschäftigt, was mich bedrückt, wo ich Hilfe brauche und verzweifelt bin. Mit ihm kann ich ins Gespräch gehen. Nichts anderes ist ein Gebet. "Seid beharrlich im Gebet", schreibt Paulus: Bleibt im Gespräch mit Gott!
Und das kann gut tun. Zum Beispiel für jemanden, der von Krankheit gezeichnet ist, vielleicht schon im Sterben liegt. "Ja, ich möchte, dass jemand mit mir betet", sagt diese Person dann. Und nach dem Gebet scheint sie einfach etwas erleichterter.

"Ich möchte, dass jemand mit mir betet." Manchmal ist es einfacher, einen Weg zu zweit zu gehen. Und auch unser Mann auf dem Bild würde wohl umfallen, wenn er so ganz alleine wäre, gut, dass da noch ein Gegenüber ist: (Bild 2)

Ihm steht eine Person gegenüber, eine Person, die ihn hält. Die eine Hand ist noch sichtbar, sie umarmt ihn leicht und hält ihn auch. Ganz sanft, so als wäre sie sich des Schmerzes bewusst. Und: Sie schaut ihm in die Augen.
Für mich sind die beiden ein Bild von Gemeinde, vom Umgang der Christen miteinander:
Der eine nimmt den anderen in den Arm, wenn er ihn braucht. Der andere kann sich fallen lassen. Das geht nur, wenn einer auch aufmerksam ist und ihm richtigen Moment den anderen hält. "Seid nicht träge, in dem, was ihr tun sollt." Seid aufmerksam füreinander. Passt auf, wie es euch geht.

Vor einer Weile habe ich eine Übung mitgemacht, da konnte man sich von ungefähr zwei Meter Höhe nach hinten fallen lassen. Unten standen im Spalier Leute bereit, um mich aufzufangen. Ich wusste, wenn ich rechtzeitig "ich komme" sagen würde, würden sie die Hände ausstrecken, um mich aufzufangen. Aber: Vertraue ich Ihnen? Was ist, wenn sie nicht schnell genug sind? Oder nicht stark genug? Wenn ich mich fallen lasse, bin ich schutzlos. Sich fallen lassen geht nur, wenn ich dem anderen vertraue und eine ehrliche Beziehung zu ihm habe.
"Eure Liebe sei ohne Falsch. Die brüderliche Liebe untereinander sei herzlich. Einer komme dem anderen in Ehrerbietung zuvor", schreibt Paulus. Das ist wichtig, wichtig fürs Vertrauen, wichtig dafür, sich in die Hände eines anderen fallen zu lassen. Die beiden auf unserer Statue, sie vertrauen einander. Der Linke, Stehende, fängt den Rechten auf und hält ihn.

Und er schaut ihm in die Augen. Er weicht dessen Trübsal und Zweifel nicht aus. Er schaut ihm tief in die Augen und ist voll präsent.
Wenn wir uns fallen lassen, dann brauchen wir das auch: Das mein Gegenüber voll für mich da ist. Mir und meinen Gefühlen nicht ausweicht sondern mit-leidet. "Freut euch mit den Fröhlichen und weint mit den Weinenden", sagt Paulus. "Bleibt geduldig in Trübsal." Weicht den Gefühlen nicht aus.

Unseren Gefühlen und denen der anderen nicht ausweichen: Das bringt uns näher zusammen und erdet uns. Wenn ich so etwas Schlimmes wie das Erdbeben in Haiti mitkriege, dann merke ich, wie gut es mir geht. Wie schön es ist, in einer erdbebenfreien Zone zu leben, ein Dach über dem Kopf zu haben und drei Supermärkte in 10 Minuten Entfernung, die alles haben, was ich brauche. Und wenn ich bei einem Geburtstagsbesuch sehe, wie sehr sich ein alter Herr darüber freut, dass er erzählen kann, wie es ihm geht, und mir von längst vergangenen Zeiten und Orten aus seiner Kindheit erzählt, dann weiß ich, dass Glücklichsein sich nicht mit materiellen Dingen herbeiführen lässt.

Nein, für das christliche Leben ist es wichtig, miteinander fröhlich zu hoffen und geduldig Trübsal auszuhalten. Die Höhen und die Tiefen des Lebens. Und beides beharrlich im Gebet vor Gott zu bringen. Uns in Höhen und Tiefen bewusst zu machen, dass wir unser Leben nicht selbst entscheiden, sondern es in Gottes Hand liegt. In der Hand dessen, von dessen Liebe uns nichts trennen kann.

Und in diesem Miteinander und im Wissen um Gottes Liebe sind für mich die Worte des Paulus wichtige Tipps, wie wir miteinander umgehen sollten:
Die Liebe sei ohne Falsch.
Hasst das Böse, hängt dem Guten an.
Die brüderliche Liebe untereinander sei herzlich.
Einer komme dem andern mit Ehrerbietung zuvor.
Seid nicht träge in dem, was ihr tun sollt. Seid brennend im Geist. Dient dem Herrn.
Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal, beharrlich im Gebet.
Nehmt euch der Nöte der Heiligen an.
Übt Gastfreundschaft.
Segnet, die euch verfolgen; segnet, und flucht nicht.
Freut euch mit den Fröhlichen und weint mit den Weinenden.
Seid eines Sinnes untereinander.
Trachtet nicht nach hohen Dingen, sondern haltet euch herunter zu den geringen. Haltet euch nicht selbst für klug.

Amen